• Vom Tanz auf der Nase der Beamten

Vom Tanz auf der Nase der Beamten

18.01.2019 Hans Egloff

Seit über 40 Jahren ziert ein Graffiti von Harald Naegeli die Nordfassade des Deutschen Seminars der Universität Zürich. Bereits 1995 wurde das Werk des «Sprayers von Zürich» von der Baudirektion des Kantons Zürich als erhaltenswert eingestuft und mit einer Holzabdeckung geschützt.

Naegeli hatte in den 70er-Jahren einen grossen Bekanntheitsgrad in Zürich, soweit ich mich erinnere gar bis nach Deutschland, wo er einen Asylantrag gestellt haben soll. Seine Strichmännchen und Sprayzeichnungen waren damals gedacht als Antwort und Protest auf immer mehr Beton und auf die zunehmende Anonymität der Stadt. Nach dem Verständnis der Baudirektion dokumentieren die Graffiti Naegelis ein Stück Stadtgeschichte und seien als Zeitdokument zu sehen, das es zu schützen gelte.

Ende letzten Jahres durfte der «Graffitipionier» in den Türmen des Zürcher Grossmünsters Skelette an die Mauern sprayen: Totentanz heisst das Projekt, alles mit dem Segen der Behörden und der Kirchenpflege. An die vereinbarten klaren Regeln hat sich Naegeli nicht gehalten. Darob ist der Baudirektor nun verärgert und enttäuscht. Der Street-Art-Pionier erscheint nicht zu vereinbarten Ausspracheterminen und lässt sich wie folgt zitieren: «Es ist kein Schaden entstanden, nur eine Vorschrift wurde verletzt. Kunst ist nicht dazu da, Rechenschaft abzulegen vor Beamten.»

Schon in den 60er-Jahren habe auch ich Strichmännchen gezeichnet (allerdings auf Zeichenpapier oder in Malhefte). Kunst kommt unter anderem von Können. Geschätzte Leserinnen und Leser seien Sie nicht verwundert, wenn damals von mir und meinem Gekritzel nicht die Rede war. Sie war es nicht wert. Wenn Naegeli seine Männchen nicht an die Wände von Häusern gesprayt und damit fremdes Eigentum beschädigt hätte, wäre wohl auch er kaum in aller Munde gewesen. Nach meinem Empfinden waren seine Zeichnungen primär Sachbeschädigungen. Ihnen und der Baudirektion will ich aber mein Kunstverständnis nicht aufdrängen.

Über das Verhalten Naegelis und seinen Tanz auf den Nasen von Verwaltung und Kirchenpflege braucht aber niemand verwundert zu sein. Schon vor 15 Jahren, als Naegeli geehrt worden war, hielt es Gabriele Rohrer von der Baudirektion im Tagblatt der Stadt Zürich für sicher möglich, dass sich dadurch einige illegale Sprayer zusätzlich animiert fühlen. Sie persönlich habe grundsätzlich Freude an Sprayzeichnungen und könne verstehen, wenn Betonmauern besprayt werden und damit Protest ausgedrückt wird. Wenn Sie wie ich keine Freude an Schmierereien an Ihren Hauwänden haben, empfehle ich Ihnen die Anti-Graffiti-Aktion des HEV.